Antwort auf Blome_Eiden-Offe (PDF)

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Literaturwissenschaft und der Kategorie ‚Klasse’?   Das Interview mit Eva Blome und Patrick Eiden-Offe ermöglicht es, diese Fragestellung zu schärfen. Worauf genau bezieht sich der Klassenbegriff, wie viele Klassen gibt es? Welchen Status besitzen sie für die Reproduktion moderner Gesellschaften, und was hat das mit Literaturwissenschaften zu tun? Wenn im Deutschen Begriffe wie ‚Schicht’ oder ‚Milieu’ mit der Kategorie der Klasse nah verwandt, jedoch unserer Ansicht nach keinesfalls koextensiv sind, dann ist zu fragen, in welchem Verhältnis diese Termini zueinander stehen.

Der Marxsche Begriff der Klasse ist, insofern er zwischen zur Lohnarbeit gezwungenen und Produktionsmittel besitzenden Menschengruppen unterscheidet, gewiss basal für eine Theoretisierung der Funktionsweise kapitalistisch geprägter Gesellschaften, zugleich jedoch relativ wenig ausdifferenziert für ein Verständnis der jeweiligen sozialen Feinstruktur. Ist nicht gerade die Literatur geeignet, die ‚feinen Unterschiede’ ans Licht zu bringen? Könnte etwa ein bestimmter Klassenhabitus ein Verbindungsglied zwischen der strukturell antagonistischen Kategorie der Klasse bei Marx und der empirischen Ausdifferenzierung in ‚Schichten’ oder ‚Milieus’ darstellen? Und wäre so die berechtigte Rückfrage neu zu kontextualisieren, ob Literaturwissenschaftler_innen unterschiedlichen Klassenpositionen oder der ‚Klasse der Literaturwissenschaftler_innen’ angehören?

Unser Plädoyer wäre hier, die Unterscheidung zwischen Herrschaft im Sinne von Identitätskategorien (race – class – gender) und von Reproduktionsweisen (wie der kapitalistischen) nicht gar zu stark zu machen und, wie im Interview angedeutet, die Konvergenzen zu untersuchen. Auch Geschlechterherrschaft und Rassismus sind ja in hohem Maße für die sozioökonomische Reproduktion konstitutiv, man denke nur an die Frage unbezahlter Arbeit oder die Organisation generativer Reproduktion. Auf der anderen Seite finden wir es wichtig zu erforschen, wie und in welchem Ausmaβe sich basale sozioökonomische Klassenantagonismen in soziale und kulturelle (und mitunter vielleicht sogar politische) Identitäten auf der Ebene der soziokulturellen Empirie übersetzen oder nicht übersetzen. In einem weiteren Schritt stellt sich dann die Frage nach Formen der (nicht notwendigerweise marxistischen) Klassenpolitik. So wäre etwa genauer zu diskutieren, warum ‚class mainstreaming’ (nicht) wünschenswert ist. Sind Maßnahmen gegen die Diskriminierung von beherrschten Klassen (etwa im Bereich der Literaturwissenschaft) herrschaftssichernde Kosmetik oder Teil einer umfassenderen Umgestaltung der sozialen Verhältnisse?

Ganz im Sinne von Blome und Eiden-Offe ist sodann zu überlegen, welchen Anteil einerseits die Literatur an der Reproduktion von Klasse hat. Zum Beispiel: Trägt sie zur Verfestigung oder zur Verwischung von Klassenidenitäten bei? Welche Rolle spielen bestimmte literarische Genres innerhalb politischer Kämpfe? Und andererseits: Was kann die Literaturwissenschaft  zur Untersuchung der Kategorie der Klasse beitragen? Zugespitzt: In welchem Verhältnis steht die Repräsentation von Klasse auf der inhaltlichen ‚Oberfläche’ literarischer Texte mit der Poesis ihrer narrativen Organisation und literarischen Form? Welchen Beitrag kann die im Interview angeführte Forschung zur Geschichte klassenrelevanter Genres in diesem Zusammenhang leisten? Und welche Lesestrategie führt auf die Spur im Text nicht explizit sedimentierter Klassenverhältnisse? Dekonstruktion oder Diskursanalyse (oder ein Drittes)? Wie kann die Literaturwissenschaft die Dimension von Klasse als poetisch, ästhetisch und kulturell produzierter Identität und Imagination demonstrieren?

In diesem Zusammenhang sind wir der Ansicht, dass die soziale Position und politische Positionierung der Lesenden und Deutenden doch eine wichtige Rolle spielt. Gibt es nicht zumindest geisteswissenschaftliche – vielleicht gar literaturwissenschaftliche – Spezifitäten der wissenschaftlichen Habitusproduktion? Und, damit zusammenhängend, wissenschaftlich nicht-notwendiger sprachlicher Eigenheiten? Sind diese nicht gerade in geisteswissenschaftlichen Disziplinen besonders konstitutiv für die Wissensproduktion selbst, da eine grundlegende Funktion etwa von Literaturwissenschaften gerade die Klassendistinktion ist (wie etwa Louis Althusser in „Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler“ annimmt)? Gibt es in diesem Punkt heute eine Tendenz zur (strategischen?) Zurückhaltung in der (Selbst-)Kritik der gesellschaftlich gegenwärtig eher marginalisierten Geisteswissenschaften?

Zuletzt: Dass eine schlechte Form der Politisierung u.a. der Literaturwissenschaft in den 70er Jahren gescheitert ist, kann für den Bereich der Klassenverhältnisse vielleicht konstatiert werden, gewiss aber nicht für den der Geschlechterverhältnisse. Ohne erfolgreiche Frauen- und Queerbewegungen, die bestimmte Wissenschaften absichtsvoll massiv politisiert haben, wäre die Genderforschung gewiss nicht so weit gekommen. Was folgt daraus? Doch nicht ernsthaft, ohne den Schnaps marginalisieren zu wollen, die Anweisung „Dienst ist Dienst“?

Redaktion Undercurrents, November 2012

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