Editorial Undercurrents (PDF)

Was hat Literatur mit emanzipatorischen Bewegungen zu tun?

Eine Variante ist, dass sie in oder zumindest solidarisch mit ihnen agiert. Das 20. Jahrhundert hält einige Beispiele dafür bereit: schreibende Proletarier_innen am Vorabend der russischen Revolution und Arbeiterbewegungsliteratur in der Weimarer Republik, Literaturen des Civil Rights Movement und feministischer Bewegungen, oder auch die Texte des Subcommandante Marcos während des zapatistischen Aufstands in Mexiko. Die Literaturwissenschaft beschäftigen diese Formen literarischer Praxis allerdings eher am Rande und nicht selten blickt sie ein wenig abschätzig auf sie hinab. Literatur bleibt im bürgerlichen Literatursystem häufig noch immer auf das reduziert, was sie selbst seit dem 18. Jahrhundert doch erst erfunden hat: kanonisierte Höhenkammliteratur.

Eine andere, von linken Kritiker_innen wie Theodor W. Adorno oder Gayatri Spivak vertretene Variante geht von dem Postulat aus, dass Literatur – oftmals auch kanonisierte – über ein gesellschaftskritisches Potential verfüge. Genaue Lektüre ermögliche kritische Erkenntnis, die letztlich eine alternative Vorstellung der Welt oder zumindest eine radikale Kritik der Gesellschaft nach sich ziehen könne. Lesen ist dann eine Art Training für die Imagination radikaler Alternativen oder schärft den Blick darauf, was anders werden müsste. Diese Idee ist verlockend und in gewissem Maβe richtig. Literatur im Sinne der besagten kanonisierten Höhenkammtexte ist – historisch wie aktuell – letztlich aber nur eine von vielen Praktiken der Imagination von sozialer und kultureller Transformation (und wahrscheinlich nicht die bedeutendeste). Dass ein Austausch zwischen kritischen Lektürepraxen und sozialen Bewegungen kaum stattfindet, ist symptomatisch.

Gewiss muss heute jedeR linksliberale Literaturprofessor_in betonen, sein/ihr literarisches Untersuchungsobjekt besitze irgendwie ein „kritisches Potential“. Doch worin dieses genau bestehen, wer es für welche politische Praxis nutzen und wie es von der Fachpublikation der Literaturwissenschaftler_innen in die Hände und Köpfe relevanter widerständiger Kräfte kommen soll, bleibt rätselhaft. Die Behauptung dieses diffusen kritischen Potentials ist meist einfach Unsinn, leider nicht dadaistischer, sondern oft einfach fade Kritik, die ein bisschen gegen die Welt zu sein hat, um diese zu lassen wie sie ist.

Wir gehen also von der faktischen Bedeutungslosigkeit der derzeitigen literaturwissenschaftlichen Praxis für die politischen Interventionen aus, die wir historisch für geboten halten. Der Kapitalismus kollabiert, leider an sich selbst und nicht durch und für uns, richtet dabei aber weiter seine Untertanen zugrunde. Immerhin gibt es in diesem historischen Augenblick soviel soziale Revolten wie lange nicht, in Nahost, Asien, aber auch den USA und Europa. Es ist schwer, den Geschehnissen überhaupt folgen zu können, so schnell wie sie sich spätestens seit der Revolution in Tunesien zum Jahreswechsel 2010/11 ereignen.

Doch bei den Akademiker_innen der herrschenden Welt ist business as usual das Programm. Besonders der/die Literaturwissenschaftler_in steht über den Dingen, über den angeblich unreflektierten Massen, deren kollektive Intelligenz hochfliegenden akademischen Gedanken oft weit überlegen ist. Eine Positionierung jenseits des oder gar gegen den Staatsapparat, an dessen Tropf die Akademiker_innen am Leben gehalten werden, bleibt ebenso aus. Höchstens ein paar fetzig klingende Impulse sollen einigen von ihnen die Revolten liefern, bei denen tagtäglich Menschen sterben. All dies mag um so mehr verwundern, als Akademiker_innen zunehmend selbst prekär leben, was sie eigentlich mit der Situation der meisten Menschen in kapitalistischen Gesellschaften verbindet, aber so gar nicht ins Selbstbild passen will.

Die Frage, die alle sich irgendwie als progressiv verstehenden Menschen, die es ja sogar in der Literaturwissenschaft gibt, sich dagegen stellen sollten, ist: Wie können wir in unserer konkreten Situation und Position diese Bewegungen befördern? Was können wir für sie tun? Was können die Bewegungen uns beibringen? Was können wir von ihnen für kritische Wissensproduktion und Wissensvermittlung lernen? Und nicht: Wie können wir sie als Impuls für unsere faden Studien nutzen?

Diese Fragen zu stellen, ist das Ziel von undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft. Wie sollen wir sie stellen, wie sie beantworten? Mit wem? Wer stellt sie sich auch? Kann unsere spezielle Tätigkeit gar am Ende doch etwas beitragen zur sozialen Transformation? Kann Literatur etwas am Zustand der Gesellschaft erkennbar machen, das uns aufrüttelt, sie zu verändern? Gibt es transgressive Imaginationspotentiale von Literatur? Was sind transgressive Imaginationspotentiale? Welches kritische Potential bergen kanonische und nicht-kanonische Texte und Gattungen? Welche historischen Bedingungen ermöglichen solche Potentiale? Wer kann sie wie nutzen? Gibt es Schaltstellen literaturforschender Praxis zu linken Bewegungen? Wo liegen deren Grenzen und Möglichkeiten? Wie können Verbindungen von linker Literaturwissenschaft und Bewegung hergestellt werden? Weshalb wäre dies überhaupt sinnvoll?

Dazu gehört für uns eine grundlegende Kritik aktueller literaturwissenschaftlicher Praxis: Ihrer Kulturgutspflege, die uns – im Einzelnen gewiss sinnvolle – Verfahren der Philologie wie etwa Textedition schon als sinnvollen Zweck unserer Tätigkeit verkaufen will; ihres Theorie-Moden-Marketings, das sich über jeden marktgängigen Theorieabfall freut; ihr Überheblichkeitsgestus und Allzuständigkeitsanspruch. Gegen diese aufgeblasene Selbstdarstellung der eigenen inhaltlichen Bedeutungslosigkeit setzen wir das Offenlegen und die Kritik der eigenen Existenzbedingungen, also zum Beispiel der eigenen Position innerhalb des Staatsapparats, der Klassen-, race- und Geschlechterverhältnisse. Ausgehend von dieser Kritik stellt sich die Frage, was es heißen kann, für emanzipatorische Bewegungen zu arbeiten. Dies bedeutet auch, die Grenzen eines solchen Engagements aus dem Kontext der Literaturforschung zu bestimmen. Was kann eine theoretische Tätigkeit als politische leisten?

Redaktion Undercurrents, November 2012

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