undercurrents ~ forum für linke literaturwissenschaft http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents <p><em>Undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft</em> fragt nach dem Verhältnis von Literatur, Literaturwissenschaft und emanzipatorischen Bewegungen.</p> de-DE <p>CC BY-NC-ND</p> undercurrentsforum@gmx.de (Redaktion undercurrents) undercurrentsforum@gmx.de (Redaktion undercurrents) Di, 01 Mai 2018 00:00:00 +0200 OJS 3.1.1.2 http://blogs.law.harvard.edu/tech/rss 60 Ein Nashorn in neuem Gewand? http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/72 <p>So selbstverständlich das Stichwort ‚Materialismus‘ bis heute mit marxistischen Theorien verbunden wird, so fremd war es bis vor wenigen Jahren einer Literaturwissenschaft, die besonders in deutschen Landen jeglichem Marxismus als Karrierehindernis längst abgeschworen hatte:<span id="more-894"></span> Ein Atavismus aus der ‚ideologischen Antike‘ (Alexander Kluge), in der Ideologien noch mit den Instrumenten des Materialismus auf den Leib gerückt wurde. Diese Situation hat sich inzwischen geändert: Die Atavismen wuchern allüberall in mannigfaltigen Spielarten, die forschungsgeschichtlich bereits unter dem Label eines<br> ‚material turn‘ als Bewegung über einen sprachzentrierten ‚lingustic turn‘ hinaus gehandelt werden. Gemeint sein können Schreibtische wie Schreibpraktiken, menschliche Körper wie Nanopartikel, Ökosysteme oder sogar „ein[…] erneuerte[r] Materialismus, der vor allem als Signifikation […] definiert wird“ (Chow 2010, 226) und über den der marxistische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton in seinem neuen Buch <em>Materialismus </em>(2018) bemerkt, ein solcher vorrangig auf Zeichenprozesse zielender Materialismus sei „die erneuerte Idee eines Nashorns, das vorrangig als Hase definiert wird“ (Eagleton 2018, 20).</p> Redaktion undercurrents ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/72 Di, 09 Okt 2018 17:39:24 +0200 Rohstoff, Ding, Materie http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/73 <p>Dariya Manova ist Doktorandin an der HU Berlin und Mitglied des PhD-Net „Das Wissen der Literatur“. Sie forscht zu Rohstoffdiskursen in der Zwischenkriegszeit.</p> Dariya Manova, Redaktion undercurrents ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/73 Di, 09 Okt 2018 17:44:44 +0200 Feministische Materialismen http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/75 <p>Dr. Konstanze Hanitzsch ist Forschungskoordinatorin des Göttinger Centrums für Geschlechterforschung (GCG).</p> Konstanze Hanitzsch, Redaktion undercurrents ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/75 Di, 09 Okt 2018 17:59:12 +0200 Marxismus und Literaturwissenschaft am Beispiel des Argument http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/74 <p>In der Geschichte des marxistischen Materialismus innerhalb germanistischer Debatten seit den 1960er/1970ern, nach der der CfA von Undercurrents im Dezember 2017 fragte, hat die 1959 begründete Westberliner Zeitschrift Das Argument, seit 1969 als Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, eine Rolle gespielt. Ihr in der sich entwickelnden Bewegung der Atomwaffengegner engagierter Gründer und Herausgeber Wolfgang Fritz Haug hat in seinem Beitrag zum 50-jährigen Jubiläum über „Ursprünge des Argument-Marxismus“ das erste Heft, das unter dem Titel „Fragen marxistischer Theorie (I)“ erschien, insofern als bedeutsam hervorgehoben, als es angekündigt habe: „Hier will man in Sachen Marxismus von jetzt ab ein Wort mitreden.“ (Haug 2009a, 152) Auf den auffälligen Umstand, dass es mit den drei Aufsätzen zu Georg Lukács, Bertolt Brecht und Walter Benjamin 1968 das Feld der Literatur war, auf dem Marxismus erstmals und programmatisch zum Thema eines Argument-Heftes wurde, ist Haug 2009 nicht eingegangen, sondern hat im selben Jahr in einem Sammelband zum 40-jährigen Jubiläum von ‚1968‘ zu „Werner Mittenzweis für uns überaus wichtige[r] Darstellung der Brecht-Lukács-Debatte“ bekräftigt: „Diese Debatte fand und findet mich noch immer auf der Seite Brechts“ (Haug 2009b, 41; vgl. Mittenzwei 1968). Haug hatte Brecht 1995 im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus zum Subjekt einer „Brecht-Linie“ erhoben: „Brecht wurde für diese Generation [der Studentenbewegung] zum wichtigsten Lehrer marxistischen Denkens“ (Haug 1995, 340), 2009 beansprucht Haug eine Kontinuität des Argument-Marxismus, indem er Brechts Kapital- und Lenin-Lektüre seine „Erfahrung hinzufüg[t], daß mir bei Materialanalysen ein Licht über materialistische Dialektik aufgegangen ist, wo es darum ging, eine immanente Ordnung aus dem Material herauszudestillieren“ (Haug 2009a, 152-153): „Den Begriffswerkzeugen, zu deren Neubildung er [der Marx der Kritik der politischen Ökonomie] mich anregte, schloss mein Material sich wie von selbst auf. Ich rezipierte Marx durch den Filter der […] theoriebildenden Praxis.“ (153)</p> Helmut Peitsch ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/74 Di, 09 Okt 2018 17:53:37 +0200 An der Grenze der Sinne http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/76 <p>Sinnliche Wahrnehmung und sprachliche Darstellung von Welt können – so lautet die Ausgangsthese dieses Beitrags – nicht voneinander getrennt werden. Wenn Welt in literarischen Texten aufgespannt wird, wird ihre sinnliche Wahrnehmbarkeit in gewissen Grenzen immer schon vorausgesetzt. Mit der Entdeckung der Radioaktivität durch die moderne Physik ist es jedoch zu einem epistemischen Bruch gekommen, und dieser betrifft auch die literarische Imagination (vgl. Peiter 2019). Das Vertrauen, dass Dinge, die dem menschlichen Körper Schmerz zufügen, ihn schädigen können, körperlich wahrnehm- und damit benennbar wären, erwies sich als naiv, weil die Strahlen eben nicht mehr nur in ihrer natürlichen Form – nämlich als so genannte 'kosmische' Strahlen – auftraten, sondern auch als künstlich vom Menschen herbeigeführte. Die Pionier_innen der Atomphysik mussten feststellen, dass ihre Experimente körperliche Konsequenzen hatten, deren Ursache sie sich zunächst nicht zu erklären vermochten (vgl. Fermi 1963). Verbrennungen und Hautveränderungen, später gravierende Krankheiten traten auf, obwohl die Elemente, mit denen die Wissenschaftler_innen hantierten, zunächst ganz harmlos zu sein schienen. Mit anderen Worten: Schritt für Schritt zeichneten sich Wahrnehmungsprobleme ab, mit denen sich weder die Physik noch die literarische Imagination bis dahin hatten befassen müssen. Ein neues Verhältnis zwischen Sinneswahrnehmung und der materiellen Welt musste definiert werden.</p> Anne D. Peiter ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/76 Di, 09 Okt 2018 18:02:56 +0200 Von Ruinen und Bordsteinkanten http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/77 <p>„Zuerst: Aus äußerst feinen Körpern – sage ich – bestehen sie, aus kleinsten Partikeln sind sie gebaut“, heißt es im umfangreichsten klassischen Manifest des Materialismus, Lukrez’ <em>De rerum natura</em> (≈ 55 v. Chr.), zum ontologischen Status der menschlichen Seele(n). <span id="more-883"></span>Dieses Zitat (Lukrez 1988, Buch 3, V 179 f.) bildet bekanntlich zugleich den ersten Fixpunkt der Einlassungen Lukrez’ zur Psychologie, an deren Ende die vollständige Identifizierung von körperlicher und seelischer Welt steht, „[d]enn durch gemeinsame Wurzeln hängen sie zusammen“ (Lukrez 1988, 3, 325). Innen- und Außenwelt weisen demzufolge gar keine eigenständige Existenz auf und stehen erst recht nicht in einer Distanzbeziehung zueinander. Sie bilden vielmehr gleichberechtigte Kehrseiten eines ontologischen Monismus, der sich einer Erklärungsweise der Welt auf Grundlage ihrer materiellen Gegebenheit verschreibt. Auch wegen dieses Theorems zum Existenzstatus der menschlichen Seele ist <em>De rerum natura</em> gleichsam zu einem der berüchtigtsten Texte der Philosophiegeschichte überhaupt avanciert.</p> Dennis Borghardt ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/77 Di, 09 Okt 2018 18:07:57 +0200 Möglichkeitssinn linker Literaturwissenschaft http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/78 <p>Die bei Matthes &amp; Seitz erschienene Studie Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats des Berliner Literatur- und Kulturwissenschaftlers Patrick Eiden-Offe zählt mit Sicherheit zu den meistbesprochenen akademischen Neuerscheinungen des letzten Jahres. Undercurrents hatte Eiden-Offe zusammen mit Eva Blome bereits 2012 zum Thema interviewt. Mit der Klasse widmet sich die Studie einer lange Zeit aus öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskussionen verschwundenen und einst fundamentalen linken Kategorie, die er historisch-philologisch differenziert: Die „literarische Vergangenheit“ der proletarischen Klasse, war, so zeigt Eiden-Offe durch eine Fülle von Materialien überzeugend, nämlich viel „reicher […] als es durch den Filter der Literaturgeschichte erscheinen mag.“ (S. 114) Ebenso war die Klasse der Proletarier_innen selbst ursprünglich keineswegs nur auf männliche und ‚weiße‘ Arbeiter festgelegt. Zumal, wie die Studie in Erinnerung ruft, am Beginn der Industrialisierung eben nicht nur Männer, sondern auch Frauen in den Fabriken arbeiteten; was sowohl weibliche Alleinstehende ökonomisch abgesichert, als auch das Alleinerzieher_innen-Modell zum gangbaren Lebensentwurf gemacht hat. Und zwar so sehr, dass letzteres sogar häufiger gelebt wurde als heutzutage. Aber nicht nur der weiblichen Kolleginnen als potentiell revolutionäre Subjekte hat sich die Arbeiterklasse im Lauf ihrer Konstituierung entledigt. Auch die weitgehend fehlende Solidarisierung mit den in Sklaverei Arbeitenden in den Kolonien ist für Eiden-Offe ein beschämendes Faktum in der Geschichte der Arbeiter_innenklasse, das nicht mehr länger als Nebenschauplatz außer Acht gelassen werden sollte.</p> Katharina Kreuzpaintner ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/78 Di, 09 Okt 2018 18:12:29 +0200 Versöhnung mit der »Krankheit, die Familie heißt« http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/79 <p>2012 sah ich zufällig das Stück <em>Beg your Pardon</em> von der mir bis dahin unbekannten Sasha Marianna Salzmann in einer Aufführung am Ballhaus Naunynstraße in Berlin. Das aus dem Drama sprechende politische Bewusstsein hatte mich neugierig gemacht<span id="more-874"></span>, und ich fragte mich, wer diese kritische und engagierte Autor_in (zum „Zweifel“ der Autor_in am „richtigen Personalpronomen“ und der Möglichkeit, beide zu verwenden, vgl. den Essay „Ibneler Burada“, Salzmann 2016c: S.&nbsp;213 sowie S.&nbsp;207 – ich verwende im Folgenden das Femininum und die Endung „_in“) war und ob sie noch mehr geschrieben hatte. Ich fand und las zuerst die Theaterstücke <em>Weißbrotmusik</em>, <em>Satt</em>, <em>Muttersprache Mameloschn </em>und <em>Schwimmen lernen</em> und dann viele verstreut erschienene kleinere Texte. Die in den Dramen formulierte Gesellschaftskritik, die Reflektiertheit und die teilweise aggressive Energie und wütende Kraft ihrer Sprache begeisterten mich. Damit wurde Sasha Marianna Salzmann diejenige Autor_in, durch deren Texte ich zum ersten Mal mit ‚postmigrantischer Literatur‘ in Berührung gekommen bin und sie wertschätzen lernte.</p> Filippo Smerilli ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/79 Di, 09 Okt 2018 18:24:42 +0200 1917, 1968 und 2018 ff. http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/80 <p>In der Revolution trifft sich das Persönlichste mit dem Allgemeinsten, Emotionalstes mit Rationalstem. Das ist – so die grundlegende Annahme von Bini Adamczaks Buch Beziehungsweise Revolution (2017) – der Tatsache geschuldet, dass Revolutionen „ein Verlangen nach und zugleich ein Ausdruck von veränderten Beziehungen“ (260) sind. Denn Beziehungsweisen betreffen die individuellsten wie die allgemeinsten Momente der Gesellschaft – und damit den Punkt, an dem diese grundlegend verändert werden kann. Der erste Teil des Buchs widmet sich entsprechend der Revolution als Beziehungsweise anhand des historischen Fallbeispiels der Oktoberrevolution von 1917. Dieses wird im zweiten Teil mit der 1968er-Bewegung verglichen, woraus eine Art historische Soziologie revolutionärer (und postrevolutionärer) Geschlechterverhältnisse resultiert. Der dritte Teil gibt eine knappe Darstellung der allgemeinen Begriffe einer Theorie der Revolution als Beziehungsweise und wirft damit die Frage nach künftigen Alternativen zu 1917 und 1968 auf. Und die Alternative liegt in der Art der Beziehungsweise selbst: Blieb 1917 letztlich auf die allgemeinsten Beziehungen fixiert, so 1968 auf die persönlichsten. Doch die emanzipatorische Bewegung der Revolution – ja vielleicht sogar jeder Politisierung – überschreitet diese Grenzen: „Aus Fremden werden dann Unterstützerinnen, aus Kolleginnen Genossinnen [...]. Die Bewegung der Solidarisierung überschreitet Milieu-, Schicht- und Klassengrenzen“ (259).</p> Florian Kappeler ##submission.copyrightStatement## http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/80 Di, 09 Okt 2018 18:27:37 +0200