An der Grenze der Sinne Zur Darstellung radioaktiver Strahlung in westdeutschen und US-amerikanischen Science-Fiction-Texten

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Anne D. Peiter

Abstract

Sinnliche Wahrnehmung und sprachliche Darstellung von Welt können – so lautet die Ausgangsthese dieses Beitrags – nicht voneinander getrennt werden. Wenn Welt in literarischen Texten aufgespannt wird, wird ihre sinnliche Wahrnehmbarkeit in gewissen Grenzen immer schon vorausgesetzt. Mit der Entdeckung der Radioaktivität durch die moderne Physik ist es jedoch zu einem epistemischen Bruch gekommen, und dieser betrifft auch die literarische Imagination (vgl. Peiter 2019). Das Vertrauen, dass Dinge, die dem menschlichen Körper Schmerz zufügen, ihn schädigen können, körperlich wahrnehm- und damit benennbar wären, erwies sich als naiv, weil die Strahlen eben nicht mehr nur in ihrer natürlichen Form – nämlich als so genannte 'kosmische' Strahlen – auftraten, sondern auch als künstlich vom Menschen herbeigeführte. Die Pionier_innen der Atomphysik mussten feststellen, dass ihre Experimente körperliche Konsequenzen hatten, deren Ursache sie sich zunächst nicht zu erklären vermochten (vgl. Fermi 1963). Verbrennungen und Hautveränderungen, später gravierende Krankheiten traten auf, obwohl die Elemente, mit denen die Wissenschaftler_innen hantierten, zunächst ganz harmlos zu sein schienen. Mit anderen Worten: Schritt für Schritt zeichneten sich Wahrnehmungsprobleme ab, mit denen sich weder die Physik noch die literarische Imagination bis dahin hatten befassen müssen. Ein neues Verhältnis zwischen Sinneswahrnehmung und der materiellen Welt musste definiert werden.

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Zitationsvorschlag
Peiter, A. D. (2018). An der Grenze der Sinne. Undercurrents ~ Forum Für Linke Literaturwissenschaft, (11). Abgerufen von http://undercurrentsforum.com/index.php/undercurrents/article/view/76
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